Autor
Omar Sami
Rechtsanwalt I Rechts- und Steuerberater (VAE) I Geschäftsführender Gesellschafter
Die Economic Substance Regulations (ESR) in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) wurden ursprünglich eingeführt, um sicherzustellen, dass Unternehmen in den Emiraten tatsächlich wirtschaftlich tätig sind und nicht lediglich als Briefkastengesellschaften fungieren. Hintergrund war insbesondere das BEPS-Projekt (Base Erosion and Profit Shifting) der OECD zur Bekämpfung unrechtmäßiger Steuerpraktiken.
Mit dem Ministerratsbeschluss Nr. 98 von 2024 wurde das ESR-Regime jedoch grundlegend geändert. Denn für Geschäftsjahre, die am oder nach dem 1. Januar 2023 beginnen, gelten die ESR-Vorschriften grundsätzlich nicht mehr. Für frühere Geschäftsjahre zwischen 2019 und 2022 bleiben die Regelungen hingegen weiterhin relevant.
Insbesondere für Free Zone Unternehmen bleibt das Thema wirtschaftliche Substanz dennoch von erheblicher Bedeutung, da vergleichbare Anforderungen weiterhin im Rahmen des Körperschaftsteuergesetzes und der Qualifying Free Zone Person-Regelungen bestehen.
ESR 2020 in den VAE: Einführung und rechtlicher Hintergrund
Die ursprünglichen ESR-Vorschriften basierten auf der Cabinet Decision No. 57 of 2020. Unternehmen, die sogenannte „relevante Tätigkeiten“ ausübten, mussten nachweisen, dass ihre wesentlichen einkommensgenerierenden Aktivitäten tatsächlich in den VAE durchgeführt wurden.
Zu den zentralen Anforderungen gehörten insbesondere:
- Geschäftsräume in den VAE
- Personal mit tatsächlicher Präsenz vor Ort
- Strategische Managemententscheidungen innerhalb der Emirate
- Lokale operative Ausgaben und tatsächliche Geschäftstätigkeit
Ziel dieser Regelung war es, künstliche Gewinnverlagerungen zu verhindern und internationale Transparenzstandards einzuhalten.
Abschaffung der ESR ab 2023: Neue Rechtslage durch Cabinet Decision No. 98 of 2024
Mit dem Ministerratsbeschluss Nr. 98 von 2024 wurde das ESR-Regime erheblich eingeschränkt. Nach aktueller Rechtslage gelten die ESR-Vorschriften nur noch für Geschäftsjahre vom 1. Januar 2019 bis zum 31. Dezember 2022.
Für Geschäftsjahre, die am oder nach dem 1. Januar 2023 beginnen, entfällt grundsätzlich:
- die Pflicht zur Abgabe einer ESR Notification
- die Einreichung eines ESR Reports
- der formelle Nachweis wirtschaftlicher Substanz nach den ESR-Regeln
Welche Pflichten bestehen weiterhin?
Trotz der Abschaffung der ESR ab 2023 bestehen für Unternehmen weiterhin wichtige Verpflichtungen für den historischen ESR-Zeitraum 2019–2022.
Unternehmen, die in diesem Zeitraum als „Licensee“ galten und relevante Tätigkeiten ausgeübt haben, müssen weiterhin:
- offene ESR Notifications einreichen
- erforderliche ESR Reports nachreichen
- ausreichende wirtschaftliche Substanz nachweisen
- relevante Unterlagen aufbewahren
Die Federal Tax Authority (FTA) kann die Einhaltung der ESR-Anforderungen noch bis zu sechs Jahre rückwirkend prüfen. Unternehmen sollten daher sämtliche Unterlagen und den Zugang zum ESR-Portal weiterhin sichern.
Kosten einer Dubai LLC: Gründung und laufende Gebühren
Für die Gründung einer Dubai LLC ist kein gesetzlich vorgeschriebenes Mindestkapital erforderlich. Je nach Geschäftsmodell kann jedoch ein wirtschaftlich sinnvolles Stammkapital notwendig sein.
Die Gesamtkosten hängen insbesondere von Struktur, Standort und Lizenztyp ab:
| Kostenfaktoren | Durchschnittliche Kosten |
| Registrierung & Erstbeantragung | 4.000 – 7.000 EUR |
| Jährliche Lizenzkosten | 4.000 – 8.000 EUR |
| Büromiete (abhängig vom Standort) | ab 2.500 EUR/Jahr |
| Optionale Kosten (z.B. Visa) | ab 700 EUR pro Mitarbeiter |
| Beratergebühren/Servicepartner | variabel (empfohlen für Ausländer) |
Verwaltungsstrafen und mögliche Rückerstattungen
Der Beschluss Nr. 98 von 2024 sieht zudem Erleichterungen bei Verwaltungsstrafen vor.
Wurden Unternehmen wegen angeblicher ESR-Verstöße für Geschäftsjahre ab 2023 sanktioniert, sollen diese Strafen aufgehoben werden. Bereits gezahlte Beträge können unter Umständen über das Rückerstattungsportal des UAE Ministry of Finance zurückgefordert werden.
Unternehmen sollten daher prüfen lassen, ob
- Bußgelder zu Unrecht verhängt wurden
- Rückerstattungsansprüche bestehen
- frühere ESR-Einreichungen korrekt abgeschlossen wurden
Bedeutung der wirtschaftlichen Substanz unter der UAE Corporate Tax
Auch wenn die formellen ESR-Regelungen seit 2023 nicht mehr gelten, bleibt der Nachweis wirtschaftlicher Substanz steuerlich weiterhin hochrelevant.
Seit Einführung der Corporate Tax im Jahr 2023 können Free Zone Unternehmen unter bestimmten Voraussetzungen weiterhin von einem Körperschaftsteuersatz von 0 % profitieren. Voraussetzung hierfür ist die Qualifikation als „Qualifying Free Zone Person“ (QFZP).
Hierfür müssen Unternehmen insbesondere:
- tatsächliche einkommensgenerierende Tätigkeiten in der Free Zone ausüben
- über ausreichende Vermögenswerte verfügen
- qualifiziertes Personal beschäftigen
- angemessene operative Aufwendungen in den VAE nachweisen
Die Anforderungen ähneln damit inhaltlich weiterhin dem früheren ESR-Substanztest, auch wenn die formellen ESR-Meldepflichten entfallen sind.
Fazit: ESR abgeschafft – wirtschaftliche Substanz bleibt steuerlich relevant
Die ESR-Vorschriften der VAE gelten für Geschäftsjahre ab dem 1. Januar 2023 grundsätzlich nicht mehr. Für den Zeitraum 2019 bis 2022 bestehen jedoch weiterhin Nachweis-, Melde- und Dokumentationspflichten, die von der Federal Tax Authority geprüft werden können.
Gleichzeitig bleibt die wirtschaftliche Substanz im Rahmen der Corporate Tax und der QFZP-Regelungen weiterhin ein zentraler steuerlicher Faktor für Free Zone Unternehmen.
Eine sorgfältige Prüfung der bestehenden Unternehmensstruktur, der bisherigen ESR-Compliance sowie der aktuellen Corporate-Tax-Anforderungen ist daher weiterhin essenziell. Dies gilt insbesondere für Unternehmen mit grenzüberschreitender Strukturierung im internationalen Steuerrecht.
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